Zur ARD-Doku „Frühling der Piraten“

Gestern lief in der ARD zur nachtschlafenden Zeit (22:45 Uhr) die Doku „Frühling der Piraten“.  Dass solche Dokumentationen immer eine Sichtweise verkürzt wiedergeben, sollte jedem klar sein. Wer vom Fernsehen tiefgründige Analysen zum „Phänomen Piratenpartei“ erwartet, wird immer enttäuscht werden. Auch wenn so kluge Köpfe wie Erhard Eppler und Heinz Riesenhuber ihre Statesments abgeben, sei hier doch angemerkt, dass bei allem politischen Sachverstand und Erfahrung, das ungefähr so ist, als würde ein 3SterneKoch den Geschmack einer Torte nach dem noch nicht ganz  angerührten Tortenteig beurteilen wollen. Viele der in der Doku gemachten Aussagen sind richtig, treffen jedoch oft nicht den wahren Kern. Auch die begleiteten 3 Piraten sind nicht die ganze Partei. Sie ist vielfältiger und bunter. Und ja, nicht alles was gesagt wurde, war vorher überlegt, durchdacht und dann in telegene Worte gekleidet. Es war quasi live, direkt dran und das war gut so.

Natürlich verkürzt der Beitrag auch verfälschend. Liquid Feedback ist nicht gleich Piratenwiki. Aktivitäten von Piraten beschränken sich nicht auf die Nutzung von Piratensoftware. Doch das ist ein eher harmloser Fehler. Weniger harmlos ist die nahezu unkommentierte Verbreitung der Behauptungen der Content Mafia zum Urheberrecht. Hier verabschiedet sich der neutrale Qualitätsjournalismus und die ARD wird zur Partei und es wird klar auf welcher Seite der gebührenfinanzierte Sender steht.

Die FAZ schreibt in einem Kommentar von Stefan Schulz zu der Doku, die Piraten befänden sich in einer lähmenden Selbstbeschau. Es stimmt, wir beschäftigen uns stark mit uns selbst, mit dem Erschaffen von Strukturen und dem Erstellen von Positionspapieren zu Vielem, aber nicht zu allem. Und das ist gut so und auch notwendig. Die Partei ist in dem letzten Jahr rasant gewachsen. Jetzt müssen die Strukturen angepasst werden. Die Piraten sind eine Mitmachpartei. Deshalb braucht es bei mehr Mitgliedern auch mehr Möglichkeiten der Teilnahme. Die Software hakt jetzt an vielen Stellen, die IT muss grundlegend erneuert werden und zwischendurch ist auch noch Wahlkampf zu machen. Und dann schnell noch ein paar Statements zu den aktuellen Problemen, am besten telegen aufbereitet und in Anzug und Krawatte vorgetragen? Und das alles von Ehrenamtlichen, die viel Freizeit und auch Geld in ihre politische Arbeit stecken. Die dürfen sich dann von einem saturierten SPD-Funktionär sagen lassen, dass im Internet voten allein nicht reicht und man auch Verantwortung übernehmen muss. Mittlerweile haben Hunderte Mandatsträger in Kreis-, Bezirks- und Landesverbänden sowie bei der Bundespartei, von den vier Landesparlamenten ganz  zu schweigen,  Verantwortung übernommen und führen ihre Ämter mit viel Herzblut aus.

Diese Doku zeigt wieder einmal deutlich, dass die Altparteien, aber auch die Mainstream-Medien es schwer haben mit dem „Phänomen Piratenpartei“. Einem unfertigen Gebilde mit noch nicht klar gestalteter Zukunft, mit vielen Neuerungen, die nicht in das gewohnte Schema passen. Man versucht sie zu verstehen, aber viele scheitern regelmäßig. Dabei wäre vielen Etablierten geholfen sich weniger mit der Partei, sondern mehr mit deren Wählern zu beschäftigen. Diese Leute sollten wieder lernen der Basis zuzuhören und nicht die Schlagworte der Piratenpartei kopieren. Dann kommt es auch nicht zu peinlichen Facebook-Partys oder zu bürgermeinungsverschmähenden Aussagen, wenn einem das Ergebnis eines Bürgerbegehrens nicht passt.

So lange die Etablierten so weiter machen, können sich die Piraten für die kostenlose Wahlkampfhilfe bedanken und brauchen sich über ihre Zukunft keine Gedanken zu machen.

Quellen:

http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/der-fruehling-der-piraten-erst-meutern-dann-regieren?documentId=10879066

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/faz-net-fruehkritik-fruehling-der-piraten-da-helfen-die-maschinen-auch-nicht-weiter-11791210.html

http://www.kanzleikompa.de/2012/06/19/ndr-die-piraten-wollen-das-urheberrecht-aushebeln/

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